Les êtres n’ont jamais eu de corps à eux
et c’est ce que je leur ai toujours seriné...
ni une conscience propre ...
Antonin Artaud (1)
Mein Leib mein Fleisch mein Körper
Mein Leib, mein Fleisch, mein Körper: wie klar in erster Annäherung mir diese Begriffe erschienen waren. Ich dachte sie fühlen und problemlos Gemeinsames und Unterschiedliches bestimmen zu können.
Doch je intensiver ich mich mit ihnen auseinander setze, umso mehr entgleiten sie mir. Nichts mehr ist klar. Begriffe und Aussagen vermischen sich, lösen sich auf, und dahinter, der Körper.
Die verschiedenen Wörterbücher sind nicht wirklich Hilfe in der Suche nach mehr Klarheit. Die Philosophie hadert mit dem Körper auf ihre Weise.
„Der Leib, das ist das Schwierigste“, meinte Martin Heidegger. Meist spricht er vom Dasein, selten vom Leib.
E. Husserl hält den Leib für „ein Ding besonderer Art.“(2) Er unterscheidet zwischen einem „fungierenden Leib“, dem unsrigen, den wir erleben, spüren, bewegen können, und dem ‚Körperding’, das auch ein Flugkörper sein kann.
Die Begriffe - Körper Leib Fleisch - verbleiben jenseits dieser abstrakten Auslegung schwammig. Sie beziehen sich auf Über- oder Untergeordnetes, auf Verdrängtes, auf die Sache, aus der sie gewonnen wurden: „Der Körper ist die Leiche, zu der er historisch gemacht worden ist“,(3) schreiben Horkheimer/Adorno.
Begriffe und Anschauung des Körpers, des Leibes (und Fleisches) kommen dem zu Folge aus der Theologie und aus der Medizin. Sie wurden erworben im Kampf für oder gegen den Körper, das Sinnliche, an den Seziererfahrungen am toten Leib.
Der Leib des Herrn, der geschundene Leib Christi, aber auch das leibliche Kind, das leibliche Wohl, die Gesellschaft als einverleibender Organismus …
Der Körper, Corpus Christi, das Körperliche, Körperschaften, der Staat, dem alle Körper unterworfen sind …
Die Fleischlichkeit, das Fleisch gewordene Wort, „Dies ist mein Fleisch …“, mein eignes Fleisch und Blut, die fleischliche Vermischung ,(4) das zu Fleisch gewordene Kind … das sündige Fleisch … der Schlächter, die Schlacht …
Körper, Leib, Fleisch werden oft synonym verwendet. Dann wieder weisen sie auf Unterschiede hin, stehen, mal der eine, mal der andere, für Metaphorisches oder Konkretes, abhängig von Zeiten, Ideologien, sozialem wie individuellem Sprachgebrauch.
Um den Körper jedoch wird heftig gestritten. Er ist Kampf- und Schauplatz vom Ich und dem Anderen, von Macht und Machtlosigkeit, Vorstellungen, Zwängen, Besitz und Besessensein, von Lust, Freude, Ängsten, Schmerz und Trauer.
Die Geschichte seiner Geringschätzung, seiner Unterwerfung ist grausam und lange nicht ausgestanden.
Sehen die einen in ihm „das schwache Fleisch“, das es zu beherrschen, zu unterdrücken, zu stählen oder formen gilt (nur der Geist sei das Reine, das Ewige, verspreche die Erlösung vom notwendigen Übel des irdischen Leibes mit seinen Schwächen und Gebrechen), so betrachten andere Denkweisen den Körper als das Konkrete, das eines Tages das ans Licht befördere, was ihm grausam gegen seine Natur abverlangt oder aufgedrängt wurde.(5) Ihm sei aus diesen Gründen mehr zu vertrauen. Den Geist, hier wohl Synonym für Vernunft, werten sie weit kritischer. Sie wähnen ihn beeinflusst vom Willen, den Trieben und Interessen des Menschen.
F. Nietzsche schreibt in den 80er Jahren des 19.Jhdts: „… es sei am Leitfaden des Leibes, nicht an dem der Vernunft entlang zu denken, das Subjekt habe zu viele Gründe, sich über sich selbst zu täuschen.“(6) Die Dominanz der „Vernunft“ über den Körper wird hier skeptisch gesehen, ja fatal für eine aufgeklärte humanere Gesellschaft.
Sigmund Freuds späte kulturkritische Schriften(7) widerlegen nicht seine früher schon gemachte Aussage: „Der Mensch ist ein Wesen von schwacher Intelligenz, das von seinen Triebwünschen beherrscht wird“.(8)
Max Horkheimer und Th. W. Adorno schrieben noch im Exil in der „Dialektik der Aufklärung“ (1947), unter der bekannten Geschichte Europas laufe eine unterirdische, eine der entstellten menschlichen Instinkte und Leidenschaften. Davon am meisten betroffen sei unser Verhältnis zum Körper. „Der Körper wird als Unterlegenes, Versklavtes noch einmal verhöhnt und gestoßen und zugleich als das Verbotene, Verdinglichte, Entfremdete begehrt. Erst Kultur kennt den Körper als Ding, das man besitzen kann, erst in ihr hat er sich vom Geist, dem Inbegriff der Macht (…) unterschieden“(9)
Unser Verhältnis zum Körper: dieses wird wenn erst meist dann reflektiert, wenn er erkrankt oder sein Tod droht, er anderen Krankheit oder Tod zufügt. Er macht zu seiner Zeit sichtbar, was wir verdrängt haben, nicht sehen, nicht spüren durften.
Wir sind er, und doch sind wir noch was anderes, durch ihn sprechen wir, auf ihn werden wir unter anderem in Vorurteilen reduziert. Er repräsentiert uns nach innen und außen, ist Projektionsfläche für Sehnsucht und Hass. Ihm und seiner Schönheit, seiner Anmut und Kraft gelten Aufmerksamkeit, Sehnen nach Liebe, Anerkennung und Annahme. Ihm zuvor, und avant tout.
Mit dem Körper treten wir in Beziehung zur Umwelt. Dafür unterwerfen wir ihn Moden und Vorstellungen: Körperkult und Körperschändung stehen oft dicht beisammen, auch Überhöhung und Eliminierung....
Alles dreht sich um den Körper, auch wenn er, oder vielleicht gerade weil er Gefangener des Geistes ist:
„Der Geist ist das Gefängnis des Körpers“, überzeugt uns Michel Foucault.
Und falsch sei es zu glauben, „Ich denke“ führe zur Evidenz des „ich bin“.(10)
K. Theweleits Männerphantasien sprechen von diesem Wahntrug, von Fluten, Dämmen, Bruch, von der „Vermassung als Verkörperung des eigenen Unbewussten“. Sie sprechen vom Körper im 1. und 2. Weltkrieg, der Körper dazwischen und danach, der Körper im Faschismus, Männerkörper, Frauenkörper, Körperschlachten. Sie gehören zur Geschichte des Terrors im letzten Jahrhundert.
„Man muss wiederholen, was man nicht erinnern kann. Das ist das Authentische. Es ist eine Gewalt gegen sich selbst. (…)“. Und etwas weiter:„Was jedoch nicht wiederholt, sondern nur wiederholt werden kann, hinterlässt einen Wiederholungszwang. Der Wiederholungszwang findet einzeln oder massenhaft im Körper statt, ‚en corps’ (Lacan). Er vollstreckt sich im geschlossenen Kreis wie ein Sturmlauf auf der Stelle.“(11)
Sturmlauf gegen sich und gegen das Außen. Das „Nie mehr wieder Krieg“ zerfällt angesichts dieses Dramas, fällt ins Bodenlose, hat keinen realen Platz.
Der Körper hier Ort der Wiederholungen, der Zwänge, der Tat. An ihm und in ihm wird sichtbar, was mit der Seele geschehen ist. Das Denken schützt uns nicht vor dieser Tat. Ihm ist nicht zu trauen. Das Denken bedroht. Denn es gibt „im Imaginären (…) den Anderen nicht. Die Sache des Geistes ist selbstbezüglich, und dies in einem so exorbitanten Sinne, dass schließlich keine Alterität, keine Substanz, keine Materie, kein Stoff mehr übrig bleibt. Der im Imaginären zu sich selbst kommende Geist ist eine Weise des toten Gottes, der durch Ausräumung der Welt und durch einen neuen künstlichen Himmel zur Herrschaft kommt.“ So der Anthropologe und Philosoph Dietmar Kamper(12)
Ohne den Körper also, seinem Fleisch, geht gar nichts. Durch die Erfahrung an und mit ihm erleben wir die Welt, erklärt sie sich, erklären wir sie uns. Die Sprache des Körpers, des Fleisches ist per se eine politische. Sie spricht nie nur vom Einzelnen, vom vereinzelten idealisierten, geschundenen oder verschacherten Leib. Sie spricht von der Gesellschaft, ihrer Unter- und Einordnungszwänge, von Macht und Ohnmacht, von Verlierern und Gewinnern.
Er, der Körper, ist alles. Ihn gilt es zu unterwerfen, ihn gilt es zu retten.(13)
„Die Grenzen des Körpers sind die Grenzen des dynamischen Raumes“ schreibt M. Merleau-Ponty in seiner Philosophie des Leibes. (14) „Letztendlich reicht der Körper bis an die Sterne. Er ist Spiegel und Modell des Kosmos“, antwortet ihm D. Kamper. Und: „Man kann und soll ihn nicht länger als einen in seiner Haut verschlossenen ‚Madensack’ begreifen. Wer den Körper nämlich als Müllcontainer sieht, sieht auch den Menschen selbst als Müllcontainer (…).“(15)
Welche Vorstellungen sind verbunden mit Körper, Fleisch in unserem heutigen, sehr materiell ausgerichteten Bewusstsein, in einer Medien- und Konsumgesellschaft, in der jeder einzelne sich immer mehr zur Schau zu stellen, zu verkaufen hat.
Was sind die Auswirkungen für den Einzelnen und für die Welt von diesen rasanten Veränderungen ins Körperlose, Bildhafte, Virtuelle, Unfassbare?
Die Geschichte des Körpers ist mithin eine Geschichte der Macht. Damit auch zwangsläufig eine der Gewalt. Sie ist eingeschrieben in meinem Körper, in dem Körper aller.
Anmerkungen:
(1) Artaud, Antonin: Suppôts et Suppliciations. Paris, Editions Gallimard 2003, 291: Nie hatten die Menschen einen eigenen Leib et das habe ich ihnen auch immer eingeschärft, dass sie nie einen eigenen Körper hatten, noch ein eigenes Bewusstein ...
(2) vgl.Bernhard Waldenfels: Das leibliche Selbst: Vorlesungen zur Phänomenologie des Leibes. Frk./M. Suhrkamp tb ws 2000
(3) Horkheimer, Max und Th.W. Adorno: Interesse am Körper. In: Dialektik der Aufklärung, Frk./M. Fischer Verl. 1969, ff. 207, zit. In D. Kamper, Horizontwechsel, 56f.
(4)Spinoza (1632-1677) bestimmt in seiner Ethik die Wollust als „Begierde und Liebe zur fleischlichen Vermischung“. In: Spinozas Ethik (hrsg. von Dr. M. Kronenberg), Stuttgart Greiner u. Pfeiffer Verl.,o.J., 99
(5) Vergleiche Norbert Elias, Der Prozess der Zivilisation 2 Bde, Suhrkamp Tb WS Frk./Main 1976 .
Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frk./Main Suhrkamp 1991
Dietmar Kamper, Volker Rittner (Hrsg.), Zur Geschichte des Körpers. München Hanser Verl.1976
(6) Friedrich Nietzsche, Aus dem Nachlass der Achtzigerjahre, Werke IV, hrsg. von K. Schlechta, 86. Zit in: D. Kamper: Zur Geschichte des Körpers, 14
(7)siehe „Die Zukunft einer Illusion“, „Das Unbehagen in der Kultur“ und „“Warum Krieg?“. In: Sigmund Freud: Fragen der Gesellschaft. Studienausgabe Bd. IX, Frk./M. Fischer Verl. 1973
(8) ebenda, 182
(9) Horkheimer/Adorno, siehe oben, 208
(10) Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge. Eine Archeologie der Humanwissenschaften, Frk:/M. 1971. zit. Rittner, In: Zur Geschichte des Körpers, 14
(11) Kamper, Horizontwechsel, 111
(12) ebenda, 57, siehe auch Elias Canetti, Masse und Macht, Hamburg Claassen Verl. 1971
(13) Siehe Luc Boltanski: Die soziale Verwendung des Körpers. In: D. Kamper, Zur Geschichte des Körpers, 138ff: „Die Wertschätzung der Schlankheit wächst von den unteren zu den oberen Klassen gleichzeitig mit der Aufmerksamkeit, die der physischen Erscheinung entgegen gebracht wird und korrelierend mit abnehmender Wertschätzung physischer Kraft, derart, dass zwei Individuen von gleicher Beleibtheit in den unteren Klassen als schlank, und als dick in den oberen angesehen werden.“ 162
Boltanski führt dazu Tabellen an.
(14) Siehe Merleau-Ponty, Maurice: Das Sichtbare und das Unsichtbare. Hrg. und mit einem Nachwort versehen von Claude Lefort. München, Fink Ver. 1994.
Phänomenologie der Wahrnehmung. Übers. und mit einem Vorw. versehen von Rudolf Boehm. Berlin, de Gruyter Verl. 1966/1974
(15) Kamper, Horizontwechsel, 61
