
Hysteria oder
die verkörperte Antwort im Gegen-Sinn
Im Allertagsmund wird hysterisch genannt, was nicht der „Norm“ entspricht: Wut- und Tobsuchtsanfälle, Kreischen, Schreien, panische Angst - verlogen (erfindend) sein. Verhaltensweisen also, die sich der Kontrolle und dem „wie es sich gehört“ entziehen.
Das Wort Hysterie steht hier - für manche naturgemäß - mehr für (weibliche) Persönlichkeitsmerkmale denn für ein Krankheitsbild. (1)
Als Krankheitsbild ist die Hysterie in den letzten Jahren aus den Kompendien der Psychologie und Psychiatrie verschwunden.
Heute hat die Seele andere Wege, nicht weniger dramatische gefunden, über den Körper ihrem Leid Ausdruck zu geben. (Magersucht, Bulimie z.B.)
In der Iconographie Photographique de la Salpêtrière (Paris) wurden die der Hysterie zugeschriebenen Körperpositionen bereits in den 80er Jahren des 19.Jhdts. abgelichtet und benannt und sozusagen als klassische Tableaux präsentiert. (2)
Diese Bilder erzählen weit mehr von ihrer Zeit und den Erwartungen und Vorstellungen der Ärzte (Pinel, Charcot und seiner Mitarbeiter), als vom Leid der betroffenen Frauen.
Delirien sind hier großartig inszeniert, gestreckte, durch gebogene, verkrümmte Körper, Trancezustände, exaltierte Posen (attittudes passionelles), die den Betrachtenden oft mehr erheitern denn betroffen machen.
Ohne den anderen keine Sprache. Auch nicht die des Körpers. Hysterische Inszenierungen finden nur vor einem Gegenüber statt. Die Frage ist - wer inszeniert wen? - angesichts der schönen Protagonistinnen der Iconographie photographique. Der medizinische Rahmen bietet ambitionierte Vorstellungen im Anatomischen, in Körperhaltungen und Grimassen. Die Körper der Frauen sind darin eingefroren, scheinen ganz und nur Symptom zu sein, Eigenes, der Schmerz inexistent.
Die Hysterie: psychische Erkrankung ohne organischen Befund. Die Organe sprechen hier nicht, der Körper aber.
Der Körper: „Der Körper wird reduziert auf Organe. Er wird reduziert auf ein Organ. Auf das Herz, die Niere, das Knie, das Gehirn, da, wo das Symptom sich zeigt.“ schreibt Gilles Deleuze als Antwort auf Antonin Artauds Körpertexte.
Und „(…) Der Geist ist der Körper selbst, der organlose Körper. Im Leben gibt es viele zweifelhafte Annäherungen an den organlosen Körper (Drogen, Alkohol, Schizophrenie, Sadomasochismus)“ (3)
Der organlose Körper ist Körper des Geistes, Körper der „Seele“, Ort innerer Bewegungen und Begegnungen. Hier ist die Betroffene sich selbst wieder gegeben, hier kann sie dem Eignen und sei es in der Zerstörung Ausdruck geben. Doch in der Hysterie geht es nicht um Zerstörung.
Die hysterische Botschaft wendet sich, so Lucien Israel, an „(…) das Gesetz des Anderen“, auf das sich die Person anklagend richtet und „durch welches seine Klage gleichermaßen geprägt ist.“(4)
Unverstanden und tief verletzt spricht an ihrer statt ihr Körper. Zwar klagt sie an, stets jedoch im Glauben an ein gerechteres menschlicheres Gesetz, jenseits von Macht und Ohnmacht.
S. Freuds Fallbeispiele hysterischer Patientinnen kreisen alle „um schmerzhafte Szenen des Mangels, der Fehlbarkeit und Verletzbarkeit“. Und „obgleich eine Sexualisierung das Gefühl des Unbehagens, das die hysterische Botschaft auszudrücken sucht, die psychischen Störungen der Betroffenen erst sichtbar werden lässt, gehen diese Erzählungen meist auf Eindrücke zurück, die mit dem Tod von geliebten Menschen, mit Unglück und Verlust in Zusammenhang stehen.“ (5)
Nicht mehr reduziert auf anatomische Kunststücke, auf Organe (Gebärmutter, Extremitäten etc.), ist der Körper mehr denn Symptom. Mit ihm wird, gleich religiöser stigmatas, auf den „anderen Schauplatz“ (Freud) verwiesen, der nur wenig bis gar nicht im bewussten Handeln erfahren wird. (5)
Die Sprache der Hysterie ist so rätselhaft wie die der Träume. Sie spricht von einem weiten verletzten Land und von dem Sich-Verschanzen im Eignen.
Ein Versuch hier, der Versehrtheit, dem verstummten, verschobenen und wieder zurückgenommenen Schrei durch die Bilder Raum zu geben.
„Ich verstehe unter Fortschritt die fortschreitende Verkleinerung der Seele und die
fortschreitende Herrschaft der Materie.“
Charles .Baudelaire (6)
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Anmerkungen
(1) vgl. Christina von Braun, Nichtich. Logik,Lüge,Libido. Frk./Main Verl. Neue Kritik 1990 und
Vilèm Flusser: Bodenlos. Eine philosophische Autobiographie. Düsseldorf Bollman Verl. 1992: „Jeder kennt die Bodenlosigkeit aus eigener Erfahrung ...“, 11f.
(2)Georges Didi-Huberman: Die Erfindung der Hysterie. Die photographische Klinik von Jean-Martin Charcot. Paderborn Fink Verl. 1997.
1885 war Sigmund Freud kurze Zeit „elève“ bei Jean-Martin Charcot. Freud war so beeindruckt von Charcot, dass er seinen ältesten Sohn nach ihm benannte.
Vgl. auch Urbuch der Psychoanalyse. 100 Jahre Studien zur Hysterie. Frk./Main Fischer Verl. 1995. Begleittext von Ilse Grubitsch-Simtes.
(3)Gilles Deleuze. In: Die verletzte Diva. Hysterie, Körper, Technik in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Hrsg. Silvia Eiblmayr / Dirk Snauwaert / Ulrich Wilmes / Matthias Winzen.
Beiträge von Christina von Braun, Elisabeth Bronfen, Silvia Eiblmayr, Gilles Deleuze, Georges Didi-Hubermann, Peter Gorsen, Irit Rogoff, Klaus Theweleit, Slavoy Zizek. Köln Oktagon Verl. 2000. 267f.
(4) Lucien Israel, Die unerhörte Botschaft der Hysterie (Aus dem Franz. von Peter Müller und Peter Posch). München Verl. Reinhardt 1983, (Titel der französischen Originalausgabe:"L'hystèrique, le sexe et le médecin", Paris Ed. Masson 1979). Zit. bei E. Bronfen, die verletzte Diva, 118f.
(5) Elisabeth Bronfen. In: Die verletzte Diva, 119f.
(6)E. Bronfen, ebenda 118f.
Vgl. auch Julia Kristeva: Die neuen Leiden der Seele. Gießen 2007
Hysterie. Hrsg. Wiener Psychoanalytische Vereinigung. Wien Picus Verl. 2003
Stavros Mentzos: Hysterie. Zur Psychodynamik unbewusster Inszenierungen. Frankfurt am Main: Fischer 2002.
(7) Charles Baudelaire, Salon de 1859, in Oeuvres, Bd.2, 221 u. Anmerkung 8, 752 v. Braun, 478
